ffm19 – der vierte tag

Den ersten enttäuschenden Film des Festivals sehe ich am Nachmittag, den polnischen Ciemno, prawie noc (Dark, Almost Night) von Borys Lankosz. Alicia (MAGDALENA CIELECKA) reist in ihren Heimatort zurück, um für eine Reportage über verschwundene Kinder zu recherchieren und wird dabei von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Der Film beginnt mit düsteren harmonischen Bildern, ist stimmig ausgestattet, kombiniert gelungen die Szenerien von realsozialistischer Brachialarchitektur mit verwunschenen Anwesen älterer Zeiten, ist direkt auf eine seltsam-gruselige Weise spannend und besticht mit einer bemerkenswerten Sound- und Musikunterlegung, die verschiedene Szenen miteinander verknüpft und übereinander legt. Doch leider seicht Ciemno, prawie noc sehr schnell in einen viel zu vollgepackten Mystery-Thriller ab, samt Figurenklischees etwa der rundrum positiven Heldin (tough, seelisch versehrt und sehr schön), exzessiver Gewalt gegen Kinder, Zweitemweltkriegsgrauen, verschiedensten Traumata und am Ende auch noch der – unweigerlichen (?) –  brutalsten Kinderpornografie (das aktuelle Symbol für das absolute Böse, wie es scheint). Diese Adaptation des Bestsellers von Joanna Bator ist leider grundlegend missraten, Viele verlassen den Kinosaal während des Films und verpassen dadurch die letzte Einstellung von Heldin und gerettetem Kind am Meer im Sonnenuntergang, die den Streifen dann endgültig in niveaulosem fernsehformatigem Kitsch erstickt. Schade.

Direkt im Anschluss sehe ich O que arde (Feuer wird kommen) des galizischen Regisseurs Oliver Laxe und bin begeistert. Amador kehrt nach der Verbüßung einer Haftstrafe wegen Brandstiftung in sein Dorf zu seiner Mutter Benedicta zurück und beginnt ein zurückgezogenes Leben in dieser abgelegenen Gegend Galiziens. Strenge Einfachheit in der Beobachtung auf der einen Seite, gewaltige Bilder von Natur auf der anderen Seite, deren Gegenständlichkeit durch den genauen und nahen Blick in musterartige Schönheiten abstrahiert. Beides zusammen entwickelt eine hohe sensuelle Emotionalität, die nicht verführen will und der man sich deswegen bereitwillig und gerne ergibt.

In der (ausverkauften) Spätvorstellung dann als Bonbon  Miles Davis: Birth of the Cool des Amerikaners Stanley Nelson. Ein chronologisch erzählter Dokumentarfilm, der durch sein reiches Bildmaterial beeindruckt, aber vielleicht etwas konventionell erzählt und teilweise zu schnell geschnitten ist. Neben dem widersprüchlichen Charakter und dem enormen Erneuerungswillen sowohl im Jazz als auch des eigenen Selbst geht es auch um die Rolle von Miles Davis als (Vor)Bild und die Identifikationsfigur, die er als stolze, elegante und selbstbewusste öffentliche Persönlichkeit für die afroamerikanische Kultur und Community gespielt hat.

ffm19 – der dritte tag

Gespannt war ich auf Bacurau, den Kleber Mendonça Filho (Aquarius) zusammen mit Juliano Dornelles gemacht und die damit den diesjährigen Jurypreis in Cannes gewonnen haben. Kleber Mendonça war in den anschließenden Q&As nicht wie das letzte Mal dabei, dafür aber ein hochemotionaler Juliano Dornelles, der sich über das schon wieder ausverkaufte Kino und über den Kommentar einer brasilianischen Filmstudentin freute: Sie hätte einen guten Film erwartet, aber nicht wissen können, dass er einer der wichtigsten Filme in ihrer Studienzeit würde. Bacurau ist eine krude Mischung aus Western, Mystery-Thriller und Scifi, mit kleinen Splattereinlagen und unglaublich spannend. Mit der wunderbaren SÔNIA BRAGA und dem legendären UDO KIER! Aufgekratzt, euphorisch und mit einer kleinen hochgestreckten Faust im Geiste verlasse ich das Kino. Das ist d e r  Film für die heutige politisch verdrehte Zeit: Wir wehren uns!

Später am Abend dann der chinesische Historienfilm Dong Qu Dong You Lai – Winter after Winter in ruhigen und sehr langsamen Schwarzweißbildern. Vor dem Hintergrund der harten Lebensbedingungen während der japanischen Besetzung der Mandschurei entspinnt sich ein Kammerspiel zwischen dem Vater, den drei Söhnen und der Schwiegertochter: Da der älteste Sohn zeugungsunfähig ist, befielt der Vater seinen beiden anderen Söhnen, die Schwiegertochter zu schwängern, um die eigene Blutlinie fortzuführen. Die Schwiegertochter bleibt ohne Text in diesem Film, sie ist nicht stumm, vielmehr ohne Kraft und Recht auf eine eigene Stimme, als Symbol für die vollständige Unterdrückung der Frau, die laut Regisseur Jian Xing in dieser absoluten Form in China bis in die 1990er Jahre herrschte. Ein kunstvoller, durchdachter, strenger – und anstrengender – Film, eine archaische Geschichte über Angst, Unterwerfung und Aufbegehren, Tradition und Überleben.

el viaje extraordinario de celeste garcia

Celeste Garcia macht sich auf die Reise zu einem fernen Planeten. Sie ist eine etwas verhuschte ehemalige Lehrerin, die nach ihrem Ausscheiden aus dem Schuldienst am örtlichen Planetarium als Museumsaufpasserin arbeitet, jeden Tag in ihrer Uniform nach Hause trottet, wo sie die schmerzenden Füße aus den drückenden Schuhen herauszwängt und wo ihr erwachsener Sohn im Sofa herumlümmelt und Computerspiele spielt. Celeste ist ein gutmütiger Mensch und jemand, der sich in sein Schicksal fügt. Doch als sich die Gelegenheit zu dieser intergalaktischen Reise bietet, zögert sie nicht lange und ergreift ihre Chance. „el viaje extraordinario de celeste garcia“ weiterlesen

ffm19 – der zweite tag

Der Montag beginnt mit El viaje extraordinario de Celeste Garcia des kubanischen Drehbuchautors und Regisseurs Arturo Infante, der mit seinem Erstling zugleich den ersten Science fiction der kubanischen Filmgeschichte gedreht hat. Die eher verhuschte sechzigjährige Celeste (wunderbar: MARÍA ISABEL DÍAZ LAGO) beschließt, den Planeten der Aliens kennenzulernen, die Erdlinge auf deren Einladung hin besuchen können. Der Film ist zauberhaft, witzig, leicht und sogar ein bisschen melancholisch, der junge Regisseur in den anschließenden Q&As charmant. Eine unbedingte Empfehlung!

In der Spätvorstellung werde ich eines von den sieben Programmen aus „A Peculiar Vantage: A Selection of Black Cinema“ sehen, das aus zwei Filmen besteht: The Cry of Jazz, ein 34-minütiges Dokument über Sun Ra und John Gilmore aus dem Jahre 1959, auf das ich sehr gespannt bin. Im Anschluss daran wird der Spielfilm Bush Mama von 1975 von Heile Gerima gezeigt, der von einer afroamerikanischen, auf sich gestellte Frau handelt und ihren Kampf um ihr Leben.

Une jeunesse dorée

Une jeunesse dorée – das ist Kino, das aus dem Vollen schöpft. Ein opulentes Bilderwerk, das beim Zusehen viel Spaß macht. Das Setting: Ende der 70er Jahre, die französische queere Discoszene, Hauptspot: der legendäre „Le Palace“, der angesagteste Club von Paris. Auch wenn die Story manchmal etwas stockt, treibt einen die Musik durch den Film. Die Figuren sind von Alkohol und Drogen aufgepuscht, drehen immer weiter auf, die Emotionen schrauben sich immer höher. Wir sind im „Le Palace“, wir sind in einem prächtigen Anwesen auf dem Land, wir sind in einer riesigen Altbauwohnung, am Pult legt ein afroamerikanischer DJ auf und tanzt, alle Figuren sind exaltiert und aufgedresst und jung und schön. „Une jeunesse dorée“ weiterlesen

ffm19 – erster tag

Mit den Filmen geht es für mich erst am Sonntag am frühen Abend los. Dieses Jahr ein schöner Auftakt mit Une jeunesse dorée, einem pulsierenden Film über Verführung, Manipulation, Liebe und Käuflichkeit, ein Porträt der Dekadenz, der Popmusik, der Mode, der queeren Szene Ende der 1970er Jahre. Eva Ionesco setzt dem legendären Pariser Club Le Palace in diesem autobiographischen Film ein opulentes Denkmal. Mit ISABELLE HUPPERT und MELVIL POUPAUD. Vielleicht kein wirklich guter Film, Huppert und Poupaud liefern hier wohl nicht ihre besten Darbietungen, aber ein Film, der aus dem Vollen greift und deswegen trotzdem Spaß macht.

Trotz des langen Tags und der extremen Hitze, die die ganze Stadt in eine dickflüssige Luft einhüllt, schaffe ich es noch in eine Spätvorstellung. Als ich im Arri ankomme, bin ich schockiert: Das alte Kino ist verkauft und zur Astor Film Lounge umgestaltet worden, ein weiteres Traditionskino ist gestorben. Ich sehe Ethan Hawkes neuen Streifen über Blaze Foley, einen Folkmusiker, der die große Karriere nie geschafft hat. Ein berührender Musik- und ein Liebesfilm, authentisch, nah an seinen knorrigen Figuren, mit wunderbarem Soundtrack.

filmfest münchen 2019

Schon eine Tradition, der Besuch des Filmfests München, heuer im 37. Jahrgang (27. Juni bis 6. Juli). Hochglanzgesichter des Festivals dieses Jahr der von mir allerspätestens seit A Bigger Splash hochgeschätzte RALPH FIENNES, und dann ANTONIO BANDERAS, dem ich absurderweise während meiner Akkreditierung vom Pressezentrum aus hätte (fast) aufs Haupt spucken können. Der Blick ins Festivalheft ist – vielleicht unter dem Eindruck von Rotterdam – etwas enttäuschend, ich habe das Programm wesentlich umfangsreicher in Erinnerung, und ein paar Filme habe ich tatsächlich auch schon dort gesehen (Serdtse Mira – Core of the World der Russin Natalia Meshchaninova oder Merzak Allouaches Rih Rabani – Divine Wind, der mich nachhaltig beeindruckt hat).

Arthur Jafa

Mit den Filmen beginnt es für mich erst am Sonntag abend, ich freue mich darauf, MELVIL POUPAUD an der Seite von ISABELLE HUPPERT in Une jeunesse dorée zu sehen, bin sehr gespannt auf die Unterreihe „A Peculiar Vantage: A Selection of Black Cinema“ – kuratiert von dem US-Künstler und Filmmacher ARTHUR JAFA -, die in einer Kooperation mit dem Museum Brandhorst entstanden ist, und ziemlich neugierig auf den kubanischen El Viaje Extraordinario De Celeste Garcia, als ich in der Kurzbeschreibung den folgenden Satz lese: „Als eine Gruppe Aliens in Cuba landet und den Erdlingen anbietet, ihren Planeten kennenzulernen, wittert [die ehemalige Lehrerin] Celeste ihre Chance […].“

Sehen werde wohl wie gehofft Bacurau des brasilianischen Regisseurs Kleber Mendonça Filho (Aquarius), der in Cannes den Jurypreis gewonnen hat. Schließlich steht auch etwas Musik auf dem Programm: Blaze (Ethan Hawkes filmisches Porträt des unbekannten Folksängers Blaze Foley), eine Doku über Miles Davis: Birth of The Cool sowie – aufregend! – The Cry of Jazz von 1959.