ber20 – der dritte tag

In einer Pressevorführung sehe ich den neuen Film von Johannes Naber, dessen Kammerspiel Zeit der Kannibalen (2014) ich sehr geschätzt habe. Heute geht es um die (wahre) Affäre über eine irakische Quelle, die vom BND als Curveball geführt wurde und (Falsch-)Informationen über Biowaffen lieferte, die wiederum nach 9/11 die Amerikaner zur Legitimierung für den Irakkrieg benutzten. Am Ende bleibe ich benommen im Kinosessel sitzen: Wessen hirnrissige Idee war es, diesen großartigen Filmstoff zu deutschem Klamauk mit Schenkelklopperwitzen zu verarbeiten? Wie kann man bloß eine solche Story verschenken? Das wäre ja schon ärgerlich, wenn es um die Umsetzung einer fiktiven Vorlage gegangen wäre. Doch hier waren Geheimdienste in Deutschland mit Wissen der großen Politik an einer Riesensauerei geteiligt und Steigbügelhalter für Kriegstreiberei! Wütend verlasse ich den Saal.

Mein zweiter Film des Tages ist Volevo nascondermi (Hidden away), die filmische Künstlerbiographie über Antonio Ligabue (1899–1965) (Elio Germano), einem Vertreter der Art brut. Vor dem Hintergrund wohlkomponierter ausladender Landschaftsaufnahmen (Bildgestaltung von Matteo Cotto) und in einem wunderbar stimmigen historischen Kostüm- und Szenenbild erzählt der Italiener Giorgio Diritti in Buch und Regie vom Überleben eines psychisch versehrten Menschen in einer für ihn extrem feindlichen Umwelt.

iffr – 2. tag

Zweiter Tag auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam: Los geht es morgens um halb elf mit What You Gonna Do When The World’s On Fire? von Roberto Minervini über das schwierige Leben von Afroamerikanern im alltäglichen Rassismus im Süden der USA. Emotionales dokumentarisches Black Cinema, nah an den starken Figuren, mitreißend, politisch. Die Schwarzweiß-Bilder sind hochästhetisch und stilisiert, ein tolles Stück Kino in Nachfolge von Raoul Pecks I’m Not Your Negro, das mich mit den vielen Close-ups auf die Gesichter der Protagonisten und die cinephile Inszenierung allerdings mit etwas unguten voyeuristischen Gefühlen in den Mittag entlässt.

Am Nachmittag gönne ich mir ein bisschen Rotterdamer Hafen, bei herrlich dramatischem Wetter, Sonne, Wind und Regen. Heute Abend geht es in Serdtse mira – Core of the World, eine russisch-litauische Koproduktion von Natalya Meshchaninova über einen Mann, der mit seiner Familie bricht und sich als Tierarzt aufs Land zurückzieht.

hannah

Hannah, eine ältere Frau, lebt irgendwo in einer belgischen Stadt in einer dunkel eingerichteten Mietswohnung mit ihrem Mann. Sie essen gemeinsam zu Abend, das Fernsehen läuft, später spült sie ab. Wortlose Routinen. Als sie zu Bett gehen, sagen sie „Gute Nacht“, löschen das Licht und drehen sich voneinander weg. Dann liegt sie da, mit offenen Augen. Am nächsten Morgen braucht Hannah länger im Bad, doch das Taxi wartet schon und sie muss sich beeilen. Sie fahren zusammen. Kurz vor der Ankunft gibt der Mann ihr den Ehering und die Uhr. Dann ein Gittertor und Anstaltskleidung. Als sie allein nach Hause fährt, nimmt sie die Metro. „hannah“ weiterlesen