iffr – 3. tag

Auch an diesem heutigen Dienstag beginne ich wieder bereits um halb elf mit dem ersten Film. Heute steht Fabiana auf dem Programm, eine brasilianische Doku über eine Transfrau und Lastwagenfahrerin, auf die ich mich schon sehr freue. Dafür muss ich allerdings über die große Erasmusbrug auf die andere Seite der Maas fahren, aufregend. Bin viel zu spät dran, natürlich verfahre ich mich und komme völlig erledigt und verschwitzt ein paar Minuten zu spät im Kino LantarenVenster an. Was für ein Kino! Moderne, extrem großzügige Architektur mit durch den Raum freischwebenden Treppenaufgängen und riesigen Fenstern im Kinocafé und Blick auf den Rijnhafen, ein Traum.

Nach dem Film, aus dem ich nach einem spannenden Q & A mit der jungen, sympatischen brasilianischen Regisseurin Brunna Laboissière von Fabiana regelrecht glücklich herausstolpere, ist ein Koffie verkeerd in diesem wunderbaren Kinocafé ein Muss. Vergnügt schreibe ich an der Besprechung herum, vergesse dabei die Zeit und muss mich abermals sputen, um in meinen zweiten Film zu kommen, Merzak Allouaches neues Werk Rih ribani (Divine wind) über zwei junge Menschen, die einen Selbstmordanschlag auf eine algerische Raffinerie ausführen sollen. Auf der Erasmusbrug werden alle meine Hoffnungen, es noch pünklich ins Kino zu schaffen, zerstört, als plötzlich eine Schranke den Verkehr unterbricht und ein Teil der Brücke wie von Geisteshand in die Höhe entschwebt, um zwei Schlepper mit riesigen schwimmenden Lastkränen durchzulassen. Ich bin beeindruckt  (ich habe das Foto hier mit der großen Datei verlinkt, beachte die Größe der Autos, die da unter dem Brückenteil herausschielen!). Der mit mir rauchende, BMX-fahrende junge Rotterdamer, mit dem ich ganz beschwingt über dieses Spektakel ins Gespräch komme, meint, das würde nur sehr selten passieren, diesen Teil der Brücke habe auch er noch nie in die Höhe entschweben sehen, aber darüber könne sein Großvater mehr erzählen, weil der da irgendwie gearbeitet habe. Ich will nach Rotterdam! Den Anfang des Allouache-Films verpasse ich.

Mein Abendfilm ist wieder in LantarenVenster, also fahre ich (mit einem Zwischenstopp beim Japaner) – wieder über die Erasmusbrug – zurück in das wunderbare Kino-Café und bin dankbar, dass mich zu dem sperrigen Allouache-Film etwas die Muse beim Schreiben küsst. Um kurz vor sieben gibt es dort dann die Doku Historia de mi nombre der Chilenin Karin Cuyul über eine autobiographische Spurensuche, die in die Tiefen der diktatorischen und nachdiktatorischen Gesellschaft führt.

iffr – 2. tag

Zweiter Tag auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam: Los geht es morgens um halb elf mit What You Gonna Do When The World’s On Fire? von Roberto Minervini über das schwierige Leben von Afroamerikanern im alltäglichen Rassismus im Süden der USA. Emotionales dokumentarisches Black Cinema, nah an den starken Figuren, mitreißend, politisch. Die Schwarzweiß-Bilder sind hochästhetisch und stilisiert, ein tolles Stück Kino in Nachfolge von Raoul Pecks I’m Not Your Negro, das mich mit den vielen Close-ups auf die Gesichter der Protagonisten und die cinephile Inszenierung allerdings mit etwas unguten voyeuristischen Gefühlen in den Mittag entlässt.

Am Nachmittag gönne ich mir ein bisschen Rotterdamer Hafen, bei herrlich dramatischem Wetter, Sonne, Wind und Regen. Heute Abend geht es in Serdtse mira – Core of the World, eine russisch-litauische Koproduktion von Natalya Meshchaninova über einen Mann, der mit seiner Familie bricht und sich als Tierarzt aufs Land zurückzieht.

Ying – Shadow

Mit Ying – Shadow des Wuxia-Film-Großmeisters Zhang Yimou (Hero, The House of the Flying Daggers) beginne ich das Rotterdamer Festival mit einem Genrefilm in Blockbuster-Dimension – und dies auch noch auf der riesigen Leinwand im Grote Zaal des Schouwburg-Theaters! Das alles verspricht Kino-Unterhaltung vom Feinsten.

Doch die Freude über abgefahrene Ästhetik mit dem schwarz-weiß-(dunkel-)rotem Farbdesign hält nur kurz vor, die technisch hochelaborierte und -gerüstete Inszenierung verliert in ihrer krassen Künstlichkeit erstaunlich rasch ihre Faszination. Außerdem dauert es ziemlich lange, bevor da jemand wirklich durch die Luft wirbelt oder einen Stock (und hier: Regenschirm) in die Hand nimmt, um den Gegner stilvoll zu verdreschen. Und da bin ich schon gelangweilt. „Ying – Shadow“ weiterlesen

iffr – 1. tag

Ich komme mittags in Rotterdam Centraal an. Erst als es mir gelingt, eine Horde gröhlender, offensichtlich alkoholisierter und auch sonst nicht besonders einnehmender junger Männer am Ausgang abzuschütteln, kann ich einen ersten entspannten Blick auf die Stadt werfen: Neben niedrigen Backsteinhäusern stehen hohe Gebäude, die es schaffen, nicht imposant oder klotzig zu wirken, überall wehen Festival-Tiger-Fahnen. Ich finde mein Hotel auf Anhieb – und bekomme sogar ein Zimmer nach hinten raus. Dann fahre ich ins Pressezentrum des Festivals im De Doelen-Gebäude und bin das erste Mal an diesem bislang recht anstregenden Tag ein bisschen glücklich: Hohe Räume, niederländisch geschmackvoll und luftig, mir weht weltläufige Luft um Nase und Ohren, die jungen Frauen an der Akkreditierungstheke sind von angenehmster Freundlichkeit.

Der Festivalkatalog ist überbordend. Bis zum frühen Abend bin ich damit beschäftigt, mein Programm für die nächsten Tage zusammenzustellen. Ich beginne heute gefällig mit Ying – Shadow, dem neuen Martial-Arts-Schinken von Zang Yimou aus China. Jippie!

Dieser Film ist allerdings nicht gerade repräsentativ für das Festival, das nach meinem heutigen Blick ins Programm wesentlich stärker auf Independent-Kino und Erstlinge jenseits des US-/europäischem Mainstreams ausgerichtet ist. Zu meiner Freude entdecke ich einen neuen Film von Merzak Allouache (Rih rabani – Divine Wind), den ich von Es-stouh – Les terrasses kenne. Claire Denis ist da, mit einer Masterklasse – und ihrem neuen Film High life, der bereits restlos ausverkauft ist. Doch dieser Film hat ja echte Chancen, regulär ins Kino zu kommen. Außerdem war ich von Denis‘ letztem Film alles andere als begeistert (lese: Un beau soleil intérieur). Ich dachte, vielleicht sind ja Komödien nicht Denis‘ Sache. Jetzt also ein Science fiction. Mit Robert Pattison und Juliette Binoche. Hm.

filmfestival rotterdam 2019

Ich feiere Premiere: Zum ersten Mal bin ich auf dem Filmfestival Rotterdam, allerdings nur für ein paar Tage (Sonntag bis Donnerstag). Das International Film Festival Rotterdam (IFFR) läuft 2019 bereits im 48. Jahrgang, hat am Mittwoch angefangen und geht bis nächsten Sonntag (23.1.−3.2.).

hannah

Hannah, eine ältere Frau, lebt irgendwo in einer belgischen Stadt in einer dunkel eingerichteten Mietswohnung mit ihrem Mann. Sie essen gemeinsam zu Abend, das Fernsehen läuft, später spült sie ab. Wortlose Routinen. Als sie zu Bett gehen, sagen sie „Gute Nacht“, löschen das Licht und drehen sich voneinander weg. Dann liegt sie da, mit offenen Augen. Am nächsten Morgen braucht Hannah länger im Bad, doch das Taxi wartet schon und sie muss sich beeilen. Sie fahren zusammen. Kurz vor der Ankunft gibt der Mann ihr den Ehering und die Uhr. Dann ein Gittertor und Anstaltskleidung. Als sie allein nach Hause fährt, nimmt sie die Metro. „hannah“ weiterlesen

ammore e malavita

Eingestimmt auf den Grad des Unsinns, der fast 140 Minuten lang auf uns niedergeht, sind wir spätestens, wenn wir am Anfang von Ammore e malavita/Love and bullets zusammen mit einer Gruppe von Amerikanern vor den Betonburgen der neapolitanischen Suburbs tanzen und über den ultimativen touristischen Thrill singen, die Brutstätten der Camorra in echt zu sehen! Unverfroren und mit sichtlichem Vergnügen bastelten die Manetti-Brothers aus den beiden ehrwürdigen Genres Gangster- und Musikfilm ihren neuen Film zusammen: Spätestens als der vermeintliche Mafiaboss im Aggregatszustand einer Leiche im Sarg zu singen beginnt, wird einem klar: Oh Schreck, ein Mafiamusical! „ammore e malavita“ weiterlesen

ffm – tag drei

Heute geht es am Nachmittag in Xavier Beauvois‘ Les gardiennes über das Schicksal einer Gruppe von Frauen, die während des Ersten Weltkrieges nach dem Fortgang der Männer in den Krieg alleine den Bauernhof bewirtschaften. Das Thema interessiert mich jetzt nicht so rasend, aber da ich Beauvois‘ frühere Arbeiten sehr schätze, darunter so unterschiedliche Filme wie Des hommes et des dieux (2010), vor allem aber seinen drastischen Polizeifilm Le petit lieutenant (2005) mit Natalie Baye als abgefuckte Kommissarin, bin ich auf seinen neuen Film gespannt. Die Literaturverfilmung (Vorlage: Ernst Pérochon) entpuppt sich als Enttäuschung ohne jede Überraschung oder neue Blickweise wenngleich mit schönen Bildern von Caroline Champetier. Konventionelle Erzählung mit manchem Tränendrücker über heroische Frauen in schwierigen Zeiten, Liebesfreud wie -leid inbegriffen. Puh!

Später steht The Tale mit der großartigen Laura Dern (Certain Women) auf dem Programm, die Dokumentarfilmerin Jennifer Fox verfilmt hier eine sexuellen Kindesmissbrauch, der ihr selbst widerfahren ist. Als Dreizehnjährige hatte sie den Missbrauch zu einer Erzählung über eine Liebesbeziehung zu einem älteren Mann verarbeitet. Erst als Erwachsene realisiert sie in einem schmerzlichen Prozess, dass es sich keineswegs um eine romantische Liebe, vielmehr um ein Verbrechen gehandelt hatte. Fox stellt beeindruckend genau die Verarbeitungs- und Verdrängungsmechanismen dar, die ihr bis ins erwachsene Alter ermöglicht haben, nicht zu realisieren, was ihr eigentlich widerfahren war. Dabei gelingt es ihr, das Mädchen, das sie gewesen ist, und die erwachsene Frau, die sie jetzt ist, schlichten Opferkategorien zu entziehen. Ein starkes und mutiges Stück Kino, mit Isabelle Nélisse in der Rolle des Mädchens und Ellen Burstyn in einer tollen Nebenrolle als alte Mutter, die sich ihrer Verantwortung stellt. Eine unbedingte Empfehlung!

ffm – zweiter tag

Ich vergesse immer, wie lange ich brauche, um eine Filmkritik zu schreiben… ewig! Deswegen lasse ich ich an meinem zweiten Festivaltag die Filme am Nachmittag saußen und schaffe es erst in die Spätvorstellung von First Reformed, dem gut besprochenen Alterswerk von Paul Schrader über einen Geistlichen in seelischen Nöten, ein Thema, das man nicht unbedingt mit dem Schreiber von Taxi Driver (1976) und Macher des American Gigolo (1980) verbinden würde.

les garçons sauvages

Fünf (wilde) Jungs (garçons sauvages eben, gespielt von Schauspielerinnen) aus jeweils guten Stuben bilden eine Bande, haben Spaß und halten im Guten und „vor allem im Bösen“ zusammen. Bis sie es zu bunt treiben, ein Verbrechen begehen und zwecks Umerziehung einem raubeinigen Ahab-liken Kapitän überantwortet werden, der zu wissen meint, wie sich solch ein Gesocks pazifizieren lässt. Er nimmt die fünf auf eine Seereise, auf der er mit seinen rabiaten Strafmethoden den verzogenen jungen Männern bald ihre Arroganz und ihren hedonistischen Mammon-Götzen austreibt und sie zu Gehorsam – und zum Singen bringt, wobei dabei die Aussicht auf nähere Bekanntschaft mit dem prächtigen Gemächt des Käptns bei manchem auch eine Rolle spielt. Ziel der Reise: Eine mysteriöse Insel, die nirgends kartografisch erfasst ist, voller Gefahren steckt, sich zugleich als pralles Paradies der Wolllust entpuppt. Die Jungs jedenfalls lassen es sich nach der erschöpfenden Reise endlich wieder gut gehen, saufen aus phallusartigen Pinienzapfen milchige Flüssigkeiten und kopulieren mit Vulvapflanzen und im Überschwang auch mal miteinander. Doch birgt die unheimliche Insel ein Geheimnis, das sie für immer verändern wird… „les garçons sauvages“ weiterlesen