seishin o (zero)

© Laboratory X, Inc.

Die Kamera blickt in einen kleinen Raum. Am Schreibtisch in der Ecke sitzt der Psychiater, davor der Patient, ein vielleicht dreißigjähriger Mann, dessen Mutter  an der Tür stehenbleibt. Der Patient erzählt, der Psychiater nickt, schließt immer wieder länger die Augen. Es geht um Wünsche. Der Arzt schlägt vor, sich an einem Tag der Woche „auf Null zu setzen“, sich dem Erleben und Befriedigen von Begehren und Wünschen zu entziehen und lediglich zu spüren, dass man lebt. Sich auf Null setzen und versuchen, das eigene Leben zu empfinden, froh zu sein, dass man am Leben ist. „seishin o (zero)“ weiterlesen

ber20 – der zweite tag

Nachdem ich erfahre, dass Andere sich den Stress mit dem frühen Aufstehen nicht geben, und man doch auch immer irgendwo reinkommt, schlafe ich ein bisschen länger, lasse das Rad reparieren und düse glücklich auf dem Rad durch den Berlin – bin wieder ein Mensch! Karten für heute habe ich ja.

Ich beginne mit dem wunderbaren japanischen Seishin O – Zero über einen alten Psychiater, der mit zweiundachtzig beschließt, seine Praxis zu schließen, sowie über sein Zusammenleben mit seiner an Demenz erkrankten Frau. Kazuhiro Soda zeichnet dieses dokumentarische Doppel-Porträt derart behutsam und zart, dass es mir, mit dem Schlaf ringend, dann am Ende Tränen aus den Augen treibt. Großartig, Regisseur Kazuhiro Soda und Produzentin Kiyoko Kashiwagi sind anwesend und dabei so charmant und witzig, dass ich von Film und Machern angerührt und hingerissen in die Welt hinaustaumele.

Am Nachmittag sehe ich meinen ersten Spielfilm. Mare kümmert sich um Mann und die drei Kinder, sie lebt in wunderbarer Landschaft aber direkt am Flughafen Dubrovnik, es ist wenig Geld da und die üblichen Probleme mit den heranwachsenden Kindern. Dann lernt sie einen Mann kennen, beginnt eine Affäre und die aufgestaute Sehnsucht nach einem anderen Leben droht sich Bahn zu brechen. Keine neue Geschichte, aber von Andrea Štaka in direkten Bildern und mit unverstelltem Blick für die Realitäten des Lebens erzählt, mit einer tollen Marija Škaričić in der Hauptrolle.

Ich schließe meinen zweiten Berlinale-Tag mit dem brasilianischen Wettbewerbsbeitrag Todos os mortos – All die Toten, einem hochsymbolischen historischen Kammerspiel, in dem sich die beiden Regisseure Caetano Gotardo und Marco Dutra an den Themen Kolonialismus und Sklaverei abarbeiten. Das ist ein seltsamer Film: Im Grunde alles richtig gemacht, strenge Form, wichtige angesagte Themen, Frauenperspektive, tolle Bildgestaltung (Hélène Louvard), aber trotzdem springt der Funke nicht über. Vielleicht bleibt bei so viel Anstrengung kein Raum mehr für eine eigenständige filmische Poetik.