Une jeunesse dorée

Une jeunesse dorée – das ist Kino, das aus dem Vollen schöpft. Ein opulentes Bilderwerk, das beim Zusehen viel Spaß macht. Das Setting: Ende der 70er Jahre, die französische queere Discoszene, Hauptspot: der legendäre „Le Palace“, der angesagteste Club von Paris. Auch wenn die Story manchmal etwas stockt, treibt einen die Musik durch den Film. Die Figuren sind von Alkohol und Drogen aufgepuscht, drehen immer weiter auf, die Emotionen schrauben sich immer höher. Wir sind im „Le Palace“, wir sind in einem prächtigen Anwesen auf dem Land, wir sind in einer riesigen Altbauwohnung, am Pult legt ein afroamerikanischer DJ auf und tanzt, alle Figuren sind exaltiert und aufgedresst und jung und schön. „Une jeunesse dorée“ weiterlesen

ffm19 – erster tag

Mit den Filmen geht es für mich erst am Sonntag am frühen Abend los. Dieses Jahr ein schöner Auftakt mit Une jeunesse dorée, einem pulsierenden Film über Verführung, Manipulation, Liebe und Käuflichkeit, ein Porträt der Dekadenz, der Popmusik, der Mode, der queeren Szene Ende der 1970er Jahre. Eva Ionesco setzt dem legendären Pariser Club Le Palace in diesem autobiographischen Film ein opulentes Denkmal. Mit ISABELLE HUPPERT und MELVIL POUPAUD. Vielleicht kein wirklich guter Film, Huppert und Poupaud liefern hier wohl nicht ihre besten Darbietungen, aber ein Film, der aus dem Vollen greift und deswegen trotzdem Spaß macht.

Trotz des langen Tags und der extremen Hitze, die die ganze Stadt in eine dickflüssige Luft einhüllt, schaffe ich es noch in eine Spätvorstellung. Als ich im Arri ankomme, bin ich schockiert: Das alte Kino ist verkauft und zur Astor Film Lounge umgestaltet worden, ein weiteres Traditionskino ist gestorben. Ich sehe Ethan Hawkes neuen Streifen über Blaze Foley, einen Folkmusiker, der die große Karriere nie geschafft hat. Ein berührender Musik- und ein Liebesfilm, authentisch, nah an seinen knorrigen Figuren, mit wunderbarem Soundtrack.

filmfest münchen 2019

Schon eine Tradition, der Besuch des Filmfests München, heuer im 37. Jahrgang (27. Juni bis 6. Juli). Hochglanzgesichter des Festivals dieses Jahr der von mir allerspätestens seit A Bigger Splash hochgeschätzte RALPH FIENNES, und dann ANTONIO BANDERAS, dem ich absurderweise während meiner Akkreditierung vom Pressezentrum aus hätte (fast) aufs Haupt spucken können. Der Blick ins Festivalheft ist – vielleicht unter dem Eindruck von Rotterdam – etwas enttäuschend, ich habe das Programm wesentlich umfangsreicher in Erinnerung, und ein paar Filme habe ich tatsächlich auch schon dort gesehen (Serdtse Mira – Core of the World der Russin Natalia Meshchaninova oder Merzak Allouaches Rih Rabani – Divine Wind, der mich nachhaltig beeindruckt hat).

Arthur Jafa

Mit den Filmen beginnt es für mich erst am Sonntag abend, ich freue mich darauf, MELVIL POUPAUD an der Seite von ISABELLE HUPPERT in Une jeunesse dorée zu sehen, bin sehr gespannt auf die Unterreihe „A Peculiar Vantage: A Selection of Black Cinema“ – kuratiert von dem US-Künstler und Filmmacher ARTHUR JAFA -, die in einer Kooperation mit dem Museum Brandhorst entstanden ist, und ziemlich neugierig auf den kubanischen El Viaje Extraordinario De Celeste Garcia, als ich in der Kurzbeschreibung den folgenden Satz lese: „Als eine Gruppe Aliens in Cuba landet und den Erdlingen anbietet, ihren Planeten kennenzulernen, wittert [die ehemalige Lehrerin] Celeste ihre Chance […].“

Sehen werde wohl wie gehofft Bacurau des brasilianischen Regisseurs Kleber Mendonça Filho (Aquarius), der in Cannes den Jurypreis gewonnen hat. Schließlich steht auch etwas Musik auf dem Programm: Blaze (Ethan Hawkes filmisches Porträt des unbekannten Folksängers Blaze Foley), eine Doku über Miles Davis: Birth of The Cool sowie – aufregend! – The Cry of Jazz von 1959.

iffr – fazit

Am heutigen Sonntag geht das zwölftägige International Film Festival Rotterdam zu Ende. Ich war nur drei ganze Tage (plus An- und Abreisetag) da und habe lediglich zehn Filme gesehen, ein winziger Ausschnitt aus dem an die 500 Filme umfassenden Programm des Festivals. Beeindruckend groß waren auch die Leinwände und Kinosäle, in denen ich die Mehrzahl der Film gesehen habe, bemerkenswert jung die Filmemacher. Ich habe viele Dokumentarfilme gesehen (4 von 10 Filmen) und die Hälfte der Filmemacher waren Frauen. Vier Filme in Schwarzweiß (davon allerdings zwei Filme aus den 60ern), zwei Filme zum Thema Holocaust. Auch wenn der europäische Film in meiner sicherlich für die Verhältnisse des Festivals konservativen Auswahl dominierte, so reicht die Internationalität allein dessen, was ich da in so kurzer Zeit gesehen habe, dennoch von Algerien, Brasilien und Chile über China, die ČSSR, Frankreich/Kanada und Großbritannien/USA bis hin zu Italien/USA, Polen und Russland.

Rotterdam ist eine beeindruckende Stadt, was für eine Architektur, ich habe es sehr genossen, mich in schön gestalteten, offenen und luftigen Räumen aufzuhalten! Das IFFR 2019 hat mir viel Spaß gemacht. Ich hoffe, ich kann nächstes Jahr wiederkommen.

iffr – letzter tag: doku über Ziva Postec

Mein letzter Tag auf dem Rotterdamer Filmfestival beginnt um 9.15 Uhr mit dem Dokumentarfilm Ziva Postec. La monteuse derrière le film Shoah von Catherine Hébert. Ziva Postec arbeitete sich ab 1979 sechs Jahre lang, bis zur vollständigen Erschöpfung, durch die 350 Stunden Filmmaterial, das Claude Lanzmann für den Film gedreht hatte. Abgesehen von dem schieren Umfang und des emotional extrem belastenden Inhalts der Augenzeugenberichte über den Holocaust bestand das Material ausschließlich aus Interviews, die extrem schwierig zu einem Film zu montieren waren. Ziva Postec überzeugte Lanzmann, wieder nach Polen zu fahren und die Orte der Vernichtung heute zu filmen, um Landschaften als Räume der Imagination für die Zuschauer zu schaffen. Die Montage von Shoah war ein Mammutprojekt, in das sich Ziva Postec wie in einem freiwilligen Gefängnis selbst eingeschlossen und für das sie persönlich viel geopfert hat, wie sie freimütig auch mit großer Reue im Blick auf ihre Familie einräumt. Trotzdem sagt sie, die Arbeit an diesem wichtigen Film sei der Höhepunkt ihrer Karriere gewesen. Zu dem schwierigen und egomanen Claude Lanzmann bricht der Kontakt im Anschluss an die Vollendung des Films ab und Ziva Postecs Anteil an diesem Film gerät in Vergessenheit.

iffr – 4. tag

Obwohl ich heute erst mittags beginne, fühle ich erste Ermüdungserscheinungen. Werde ich vielleicht krank? Es schneit in Rotterdam und es ist furchtbar grau. Pasażerka (Die Passagierin), mein erster Film, ist nicht wirklich dazu angetan, trübe Stimmungen zu vertreiben: Der polnische Film von 1963 handelt von einer Deutschen, die auf einem Passagierschiff zum ersten Mal nach dem Krieg nach Europa reist und dort eine Frau trifft, die sie von ihrer Zeit als SS-Aufseherin im Vernichtungslager Auschwitz als eine Gefangene wiederzuerkennen glaubt. Der Regisseur Andrzej Munk verunglückte während der Dreharbeiten, der Film wurde von Witold Lesiewicz mit Munks Material zu Ende gebracht. Munks fertig gedrehte Szenen umfassen seine aufgrund ihres historischen Pathos‘ schwer verdauliche Erzählung im Konzentrationslager, die Rahmenhandlung auf dem Schiff sind nur als Stills überliefert, die Lesiewicz in ihrer Fragmentizität stehen ließ und mit einem Voice-over-Kommentar zu den möglichen Absichten von Munk versah. Ein spannende Art, mit Filmfragmenten umzugehen.

Abends geht es historisch (in der Reihe „The Spying Thing“) weiter mit meinem einzigen tschechoslowakischen Film in Rotterdam: Smyk (der deutsche Titel war damals Dem Abgrund entgegen) von Zbyněk Brynych aus dem Jahr 1960 in einer klassischen Ost-West-Agentenstory, bloß hier eben aus der ideologischen Ost-Perspektive. Brynych gewann mit diesem Film den Regiepreis auf den Karlsbader Filmfestspielen. An vielen Stellen hat der Film B-Movie-Qualitäten und ist entsprechend schwer verdaulich (die Darstellung von Frauen wird aus heutiger Perspektive selbstredend immer unfassbarer), aber der Beginn des Film beispielsweise ist – zumal auf großer Leinwand – großartig: Berlin, Westdeutschland als Aufeinanderfolge von Leuchtreklamen großer Firmen untermalt von James-Bond-artiger Monumentalmusik. Der Film ist kein Muss, aber ein wirklich interessantes historisches Dokument.

Außerdem habe ich mir eine Spätvorstellung vorgenommen: Den britischen Krimi Out of Blue von Carol Morley, in dem PATRICIA CLARKSON sich als Kommissarin in eine gefährliche Untersuchung verbeißt.

 

serdtse mira – core of the world

Im Nirgendwo ein abgelegenes Gelände im Wald. Es werden Hunde gehalten und in Gefangenschaft aufgezogene Wildtiere. Ein älteres Ehepaar und die alleinstehende Tochter mit ihrem kleinem Sohn wohnen im großen Haus. Auf der anderen Seite des verschlammten Hofes steht eine Hütte, von einer Straßenlaterne beleuchtet. Hier haust Egor. Er ist der Tierarzt – und eine Art Knecht.

Nur wenige Szenen spielen jenseits dieses Ortes, es gibt da ein Nachbarhaus, und einen Ausflug in das Städtchen. Und die Wälder und Seen. Ansonsten ist das Setting des Films abgeschlossen. Natalia Meshchaninova hat mit Serdtse mira (Core of the World) ein Kammerspiel geschrieben, in dessen strengen Rahmen die Figur des etwa dreißigjährigen Egor (verkörpert von STEPHAN DEVONIN) genug Raum bekommt, um langsam in seiner Verstörtheit gezeigt zu werden. Da ist seine Zärtlichkeit gegenüber den Zicklein, die er mit der Flasche füttert, seine Besonnenheit in der Operation eines verletzten Tieres, seine Liebe zum versehrten Hund – und dann ein unerbittliches Eindreschen auf Menschen. Ein kurzer, in der Unmittelbarkeit umso eindringlicherer Ausbruch roher Gewalt und kondensierter Wut.

Egor ist ein Heimatloser, ein Traumwandler, der langsam in die Strukturen dieser kleinen Gemeinschaft am Ende der Welt hineinwächst, die Angebote zum Essen ohne Entschiedenheit annimmt. Und ohne es zu merken, ein Teil davon wird.

Natalya Meshchaninova gelingt eine behutsame und auch irgendwie unparteiische Zeichnung eines schwerverletzten Menschen, gefangen in Wut, eingekapselt in der Angst vor sich selbst, voller unendlicher Bedürftigkeit.

historia de mi nombre

In ihrem Erstlingsfilm (Weltpremiere auf dem IFFR 2019) geht die junge chilenische Filmemacherin Karin Cuyul (Jg. 1988) auf dokumentarische Spurensuche nach ihrem Namen, die tief in die Geschichte ihrer Familie eindringt. Sie wurde benannt nach Karin Eitel, die im Untergrund gegen die Pinochet-Diktatur gekämpft hatte, 1987 verhaftet und dann im staatlichen Fernsehen live unter Folter zu einem Geständnis gezwungen worden war. Eine innere Unruhe hatte die Macherin von Historia de mi nombre Karin Cuyul dazu veranlasst, filmisch dem Bild nachzuforschen, das die Eltern jener Karin Eitel später bei einer Begegnung von ihr gemacht hatten. Sie legt ihrer Recherche strenge Regeln auf: Sie möchte im Film nur Fragen stellen, die sich mit filmischen Mitteln beantworten lassen. Außerdem beschäftigt sie sich mit der Geschichte ihres Namens nur soweit es sie auch selbst betrifft. Ein radikaler Ansatz, der in bildlicher sowie narrativer Hinsicht eine Ästhetik der Behutsamkeit und des unbedingten Wahrheitsstrebens mündet, zugleich aber im Impliziten, Vorsichtigen und in der Andeutung verharrt. „historia de mi nombre“ weiterlesen

rih rabani – divine wind

Drei Personen, ein abgelegenes Haus in der algerischen Wüste, der Dschihad. Die Personen – eine junge Frau, ein junger Mann, eine alte Frau – kennen einander nicht. Es ist ein  konspiratives Treffen: Die beiden jungen Menschen bereiten ein Selbstmordattentat im Auftrag des Islamischen Staates auf eine Ölraffinerie vor. Die alleinlebende alte Frau bietet den Terroristen Unterschlupf und kocht für sie. Zwischen den drei Personen entspinnt sich ein spannungsgeladenes, indes leise artikuliertes Spiel um Macht und Unterwerfung, um Liebe und Demut, um Gehorsam, um Manipulation und gegenseitige Anziehung. Den Hintergrund bildet die Einsamkeit und fruchtlose Ödnis der Wüste, eingefangen in ausladenden Großformat-Aufnahmen in Schwarzweiß (wunderbare Bilder von Mohamed Tayed Laggoun). „rih rabani – divine wind“ weiterlesen

fabiana

Eine der ersten Einstellungen im Profil, mit der Kippe im Mund, der Blick konzentriert nach vorn auf die Straße gerichtet, den Ellbogen lässig am offenen Fenster, der Wind streicht ihr durchs Haar. Fabiana: Transgender, Lesbe. Truckdriver. Was für eine mutige, coole und freie Frau!

In den 89 Minuten des Films begleiten wir Fabiana zusammen mit der Regisseurin auf ihrer letzten großen Fahrt quer durch Brasilien, bevor sie sich nach dreißig Jahren on the road in den Ruhestand verabschiedet. Zusammengeschnitten aus 80 Stunden Material von Fabiana plus 20 Stunden Landschaftsaufnahmen, aufgenommen auf elf Tausend Kilometern Strecke durch Brasilien in 20 Tagen. Brunna Laboissière begegnete Fabiana zufällig, als sie per Anhalter zu ihren Eltern fuhr. Laboissière sagt vor dem Film, es gehe ihr selbst oft mehr um die Reise als um das Ankommen. Sie fährt zuerst beim Trampen einen ganzen Tag mit ihr, sie reden und reden, am Ende tauschen sie Telefonnummern aus. Die Idee eines dokumentarischen Porträts entsteht.

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